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Jener Tag nun aber, um in diesem Stadtteil wieder mal aufzukreuzen, war nicht der richtige: Es war zu heiß. Außerdem fehlte es an meinem mitzubringenden Teil jener dort zu findenden Gewahrsamkeit, zu bald erkannte ich mich mal wieder – wenn auch immer noch nicht meine unklaren Gründe – in meinem vielleicht schon zu trainierten Nachspüren dort. Und wirklich wiederholt man sich ja bald und allzu gern auch in seinen Tröstungen.

Obwohl ich diesmal einen anderen Weg dorthin genommen hatte – oder es lag eben daran -, empfand ich, immer auch im Gedanken noch an die zu besorgende Musikaufnahme, das vermeintlich erwartbar Gewusste als unpassend, mich dort selber mal wieder als fremd. Auch wuchs dann in mir eine unterschwellige Aggression fast, die Bereitschaft, mich gegen irgendetwas zu empören – obwohl es neuerdings mir doch immer öfter durch eben die dort gesuchten Umstände zu jener Gleichgültigkeit vorzudringen gelang. Vergeudete Zeit. Zu heiß.

Verheerter Mittag. In der Luft lag, in schwachen Verwehungen wohl auch von Topfkräutern aus den Regalen eines Gartenbedarfhandels jenes Shoppingareals, ein Duft von wie südlicherer Hitze, wie von Provence zum Ruch von deutscher Küche und Benzin. Obwohl sie nicht formiert gingen, ließen mich die wenigen dort sich Bewegenden an einen Leichenzug denken. Die eine oder andere Figur tatsächlich in der durch nichts gehinderten Grellheit der Teile an Sicht auslöschenden Sonne schwarz, sah es aus – Schemen, prismatische Überlagerung von jemand im Gegenlicht (oder im Zwielicht, im überlagerten Punkt einer Sonnenfinsternis sich Verdoppelten) -, als gingen Priester uns voran… und dann in ein blendendes Jenseits über.

Doch war da keine Beerdigung, es gab keinen Wagen, keine schweigenden Begleiter rechts und links. Es war nur eine Gruppe älterer, wortlos und in ihrem Anschein irgendwie gemessen gehender Frauen, Witwen oder Türkinnen in dunklen, um je den Gleichgewichtspunkt ihrer Körper, ihrer Hintern wogenden Gewändern. Und dann doch auch noch zwei ältere Männer, Rentner, die auf je einer Seite der Straße ihre Hunde an letzten kraftlosen Grasecken sich entleeren ließen und hinüber schielten oder ins Nirgendwo, als leugneten sie einander ihr Beispiel.

Der einzige Punkt von Belebtheit war mal wieder der Parkplatz des ALDIs, auf dem die bekannten Umverladereien passierten, der unaufgedeckte Selbstbetrug der unentwegt an ihrem Leben Rechnenden und darüber immer sparsamer Werdenden – auch so ein schmutziger Deal. Hätten uns nicht alle zuerst mal die so beiläufig hingenommenen Formen solchen Zusammenlebens interessieren müssen? Doch kann man die eigenen Verhältnisse erfassen, wenn man nicht einmal den sie strukturierenden Raum versteht? Und die Hässlichkeit der allermeisten, der uns trotzdem unmittelbar gewordenen Umgebungen – ist sie von den Leuten, die sie auszublenden angewiesen sind, überhaupt auszudenken? Steht sie deshalb noch immer aus zur Entdeckung?

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US Cover

Buch bei mirabilis-verlag

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