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Heute möchte ich manchmal selber, mit Lust, der Schmerzen bringende Aggressor sein. Aber schließlich bin ich dann irgendwann auch darauf gekommen, dass es seinerseits Symptom ist, jedenfalls irgendwie ungesund, sich dauerhaft mit all dem zu beschäftigen. Deshalb lehne ich gewisse zunehmend verbreitete Spielchen, mit denen sonst mutmaßlich fühllose Leute sich immer noch als schick oder gar verrucht empfinden, rundweg ab: Mir scheint, es gibt da eine bestimmte Dummheit, die mehr als nur ein Missverständnis ist. Auch zu mutwilligen Blasphemien müsste man erst eine eigene Höhe haben.

Sicher: Schmerz und Leiden gehören zum Menschen, ob als Krankheit oder Märtyrertum oder als Mittel die Persönlichkeit formender oder gar visionärer Erfahrung. Und ja, sogar Lust kann aus Schmerzen resultieren. Aber bleibt Schmerz nicht eigentlich physische Negation? Letztlich eine Unannehmbarkeit? Außerdem zieht er eine definitive Grenze: Die Qual eines anderen kann nicht meine eigene sein. Und vielleicht ist das mit Antrieb zu all den fragwürdigen Versuchen zu Transgressionen?

Doch wenn ich weiß, dass sich niemand, auch der Dumme nicht, heute von seinen Mutwilligkeiten abhalten lässt, kann mir das nicht mehr imponieren. Und von welcher Vernunft sollte das sein? Sogar die Abbildung unseres Körpers in unserem Geist kann ganz anders aussehen als der tatsächliche Körper. So manche Muskelmänner realisieren, wie Magersüchtige, nicht, wie sie aussehen, selbst wenn sie vor dem Spiegel stehen. Womöglich ist die narzisstische Abirrung weniger Schritt hin zu mehr Freiheit mit sich, denn zur Freilassung all seiner bizarren Konstrukte?

Anscheinend kann man aber ebenso verrückt werden an memorierten Schmerzen in gar nicht mehr vorhanden Gliedern – das Hirn erinnert sie auf ihren Bahnen sehr wohl und hat sie noch in seinem Selbstmodell. Wie dann also ganz werden an einer Durchlöcherung? Wegen deren Eindeutigkeit endlich gegen sonst allzu diffuse Sehnsüchte und Mängel? Wegen des Verweises auf eine ungelöschte Vorgeschichte? Mit einer neueren Prägnanz die ältere Narbe zu überschreiben? Oder doch, es an einer Verletzung zu beschwichtigen, das Ungenügen an der eigenen Integrität? Vielleicht schafft Schmerz kurz sogar so etwas wie ein Einvernehmen, aber die Phantome bannt es damit nicht.

Und mit dieser schleichenden Überdeckung des ersteren Schmerzes, mit dem Wenigerwerden mittels Umweg-Markierungen des Traumas, bin ich wieder bei diesem Kuss. Denn zählen tat eigentlich auch hier nur der erste. Seine Sensation sozusagen war die wirkliche Kraft, alles andere zu überdecken. Alles nachher ließ, und darin erkennbar werdend als Überdeckung, schon wieder zu viel durch. Die Berührungsempfindlichkeit einer Körperzelle ist nicht zu verwechseln mit ihrer Schmerzempfindlichkeit.

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