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Helga Frances M., eine halbe Amerikanerin. Jünger, war sie gerüchteweise mal bei einer US-Airline geflogen, Eastern, glaube ich. Und angeblich hatte sie einmal jemandem aus einer der Familien des Chicago-Outfits einen heißen Kaffee über die Beine geschüttet und dann lieber bald das Land verlassen. Wenn man hört, wie sehr die Stadt heute noch in der Hand des Syndikats ist, und wie sehr die dort zahlenmäßig starken deutschen Einwanderernachfahren gegen die italienischen stehen, ist das schon eine Drohkulisse, und jeder Handlanger in einem nach außen normal wirkenden Gemüseladen kann ein gedungener sein.

Dabei klang mir das eher nach einer Räuberpistole, und außerdem schien sie für eine Stewardess mehr als einen Tick zu klein, fehlte es ihr doch an dem Moment von Imposanz, nach denen die Gesellschaften drüben diese Frauen aussuchten, und die, das wusste ich von meinen Austauschbesuchen bei Marc und Sharon, noch in den 70ern alle am besten etwas zugleich von einer tall doll und Doris Day hätten haben sollen: Nicht nur, um für die etwas kindischeren Männer eine Mindestautorität auszustrahlen sondern ebenso um in deren Träumen rumzuspuken.

Zwar war es mir nie gelungen, von ihr selber einmal etwas über diese Geschichte zu hören, doch klang sie mir andererseits, selbst als chinese whisper, fast etwas zu entlegen. Außerdem hätte sie ganz gut zu diesem Dubiosen, sonst so schwer an etwas Festzumachenden um sie gepasst. So schien mir irgendein Teil daran gefühlsmäßig immer zu stimmen, nur wusste ich nicht welcher.

Albernerweise hatte ich, als ich mir wie beiläufig die Details bei den schon länger da arbeitenden Kollegen zusammensuchte, öfter an Connie Francis denken müssen, an diese Sängerin also und an deren in der Kindheit für mich einmal reizvollen Akzent. Und damals schien auch die Welt der Erwachsenen und darin alles Amerikanische noch etwas Überlegenes zu sein, offensichtlich an der Vielfalt ihrer Automarken und deren Designs. (My Baby drove up in a brandnew … Cadillac.) Frau M. hatte keine Kinder. Und die Ehe, verlautete es von Roswitha, die die andere schon seit Jahren und, seit einer Feier, auch den Mann dazu, einen Studienrat, kannte, leide ganz sicher an Verknöcherung.

Trotzdem hätte ich mir ob des Drohpotenzials dieser Frau (auch wenn das, vielleicht ähnlich wie bei ihrem verbrühten Gangster, nur in einem Unausgesprochenen gründete) auch unter günstigeren Umständen nichts herausgenommen. Weil auch ich die Form zu wahren wusste. Und so war das zwischen uns eben nur dieses Zwischenraum-Dings, sporadische, sich ihrer selbst unklar bleibende Lockungen, etwas an beiläufigem Bedürfnis, das kaum ausreicht, auch nur mal eine zerstreute Phantasie darüber hinaus in Gang zu setzen. Außerdem hatte ich damals andere Frauengeschichten – und oft auch schon genug davon. Und, so kam mir einmal die Idee, womöglich war ihre Ehe, waren die Gesetztheit und die Langeweile und all diese Formwahrungen ihr Rückzugsort? Und außerdem war sie mehr als zehn Jahre älter. Die Liebe ist ein seltsames Spiel.

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