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Jemand hat mal gesagt, der Privatdetektiv sei der Held unserer Zeit, die investigative Tätigkeit das herrschende Narrativ. Und ich merke das andauernd bei mir selber (der ich Kriminalromane nicht lese und mich auch für Verbrechen nicht interessiere – fast immer entpuppen sie sich in ihrer Erwartbarkeit, in ihrer braven Aufklärbarkeit eben doch als eher trivial). Aber: Wie ich mir immer wieder überlege, wie es mit einer Sache, die mich nicht loslässt, dahin kommen konnte, und wieso ich es nicht vorausgesehen habe, und wie sie mich beschäftigt hält. Wie ich meine Aufmerksamkeit übe, indem ich beiläufig das Leben um mich herum beobachte und kleine und große Muster darin erkennen und mit meinen abgleichen kann. Wie ich mir Strategien überlege, um in müßig angestoßenen Abenteuern meine Züge zu machen, obwohl es mir über ein kurzes Obsiegen hinaus kaum je wirklich ums Gewinnen geht.

Und was sonst angesichts der Überkomplexität der Welt soll einen beschäftigter halten als die Indizienarbeit der Klarwerdung über die eigene Person? Der Detektiv erlebt sich in der Spürarbeit auf einen komplexen, im Ergebnis aber dann fast immer eher engen Sachverhalt bezogen, und tatsächlich ist er damit die ganze Zeit, als perspektivische Instanz, die Welt hindurch einen unausgedeuteten Zusammenhang in einen Brennpunkt zu nehmen, auch auf der Spur, sich selber zu verlieren – eine Allegorie der simplen Vielewerdung eines jeden -, und damit wieder verstetigt auf dem Weg zu sich selbst. Fast ist er eine Personifizierung moderner Lebensführung.

Und außerdem stärkt er die Vorstellung, dass es, wenn schon kaum mehr Gewissheiten, überhaupt immer noch etwas Wissbares, etwas eindeutig zu Machendes gibt. (Nur die Wahrheit, die bleibt notwendig an zeitweise, an zugespitzte Umstände gebunden und muss bald darauf wieder von Neuem gesucht werden: Sie bleibt letztlich verborgen.)

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Helga Frances M., eine halbe Amerikanerin. Jünger, war sie gerüchteweise mal bei einer US-Airline geflogen, Eastern, glaube ich. Und angeblich hatte sie einmal jemandem aus einer der Familien des Chicago-Outfits einen heißen Kaffee über die Beine geschüttet und dann lieber bald das Land verlassen. Wenn man hört, wie sehr die Stadt heute noch in der Hand des Syndikats ist, und wie sehr die dort zahlenmäßig starken deutschen Einwanderernachfahren gegen die italienischen stehen, ist das schon eine Drohkulisse, und jeder Handlanger in einem nach außen normal wirkenden Gemüseladen kann ein gedungener sein.

Dabei klang mir das eher nach einer Räuberpistole, und außerdem schien sie für eine Stewardess mehr als einen Tick zu klein, fehlte es ihr doch an dem Moment von Imposanz, nach denen die Gesellschaften drüben diese Frauen aussuchten, und die, das wusste ich von meinen Austauschbesuchen bei Marc und Sharon, noch in den 70ern alle am besten etwas zugleich von einer tall doll und Doris Day hätten haben sollen: Nicht nur, um für die etwas kindischeren Männer eine Mindestautorität auszustrahlen sondern ebenso um in deren Träumen rumzuspuken.

Zwar war es mir nie gelungen, von ihr selber einmal etwas über diese Geschichte zu hören, doch klang sie mir andererseits, selbst als chinese whisper, fast etwas zu entlegen. Außerdem hätte sie ganz gut zu diesem Dubiosen, sonst so schwer an etwas Festzumachenden um sie gepasst. So schien mir irgendein Teil daran gefühlsmäßig immer zu stimmen, nur wusste ich nicht welcher.

Albernerweise hatte ich, als ich mir wie beiläufig die Details bei den schon länger da arbeitenden Kollegen zusammensuchte, öfter an Connie Francis denken müssen, an diese Sängerin also und an deren in der Kindheit für mich einmal reizvollen Akzent. Und damals schien auch die Welt der Erwachsenen und darin alles Amerikanische noch etwas Überlegenes zu sein, offensichtlich an der Vielfalt ihrer Automarken und deren Designs. (My Baby drove up in a brandnew … Cadillac.) Frau M. hatte keine Kinder. Und die Ehe, verlautete es von Roswitha, die die andere schon seit Jahren und, seit einer Feier, auch den Mann dazu, einen Studienrat, kannte, leide ganz sicher an Verknöcherung.

Trotzdem hätte ich mir ob des Drohpotenzials dieser Frau (auch wenn das, vielleicht ähnlich wie bei ihrem verbrühten Gangster, nur in einem Unausgesprochenen gründete) auch unter günstigeren Umständen nichts herausgenommen. Weil auch ich die Form zu wahren wusste. Und so war das zwischen uns eben nur dieses Zwischenraum-Dings, sporadische, sich ihrer selbst unklar bleibende Lockungen, etwas an beiläufigem Bedürfnis, das kaum ausreicht, auch nur mal eine zerstreute Phantasie darüber hinaus in Gang zu setzen. Außerdem hatte ich damals andere Frauengeschichten – und oft auch schon genug davon. Und, so kam mir einmal die Idee, womöglich war ihre Ehe, waren die Gesetztheit und die Langeweile und all diese Formwahrungen ihr Rückzugsort? Und außerdem war sie mehr als zehn Jahre älter. Die Liebe ist ein seltsames Spiel.

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Heute möchte ich manchmal selber, mit Lust, der Schmerzen bringende Aggressor sein. Aber schließlich bin ich dann irgendwann auch darauf gekommen, dass es seinerseits Symptom ist, jedenfalls irgendwie ungesund, sich dauerhaft mit all dem zu beschäftigen. Deshalb lehne ich gewisse zunehmend verbreitete Spielchen, mit denen sonst mutmaßlich fühllose Leute sich immer noch als schick oder gar verrucht empfinden, rundweg ab: Mir scheint, es gibt da eine bestimmte Dummheit, die mehr als nur ein Missverständnis ist. Auch zu mutwilligen Blasphemien müsste man erst eine eigene Höhe haben.

Sicher: Schmerz und Leiden gehören zum Menschen, ob als Krankheit oder Märtyrertum oder als Mittel die Persönlichkeit formender oder gar visionärer Erfahrung. Und ja, sogar Lust kann aus Schmerzen resultieren. Aber bleibt Schmerz nicht eigentlich physische Negation? Letztlich eine Unannehmbarkeit? Außerdem zieht er eine definitive Grenze: Die Qual eines anderen kann nicht meine eigene sein. Und vielleicht ist das mit Antrieb zu all den fragwürdigen Versuchen zu Transgressionen?

Doch wenn ich weiß, dass sich niemand, auch der Dumme nicht, heute von seinen Mutwilligkeiten abhalten lässt, kann mir das nicht mehr imponieren. Und von welcher Vernunft sollte das sein? Sogar die Abbildung unseres Körpers in unserem Geist kann ganz anders aussehen als der tatsächliche Körper. So manche Muskelmänner realisieren, wie Magersüchtige, nicht, wie sie aussehen, selbst wenn sie vor dem Spiegel stehen. Womöglich ist die narzisstische Abirrung weniger Schritt hin zu mehr Freiheit mit sich, denn zur Freilassung all seiner bizarren Konstrukte?

Anscheinend kann man aber ebenso verrückt werden an memorierten Schmerzen in gar nicht mehr vorhanden Gliedern – das Hirn erinnert sie auf ihren Bahnen sehr wohl und hat sie noch in seinem Selbstmodell. Wie dann also ganz werden an einer Durchlöcherung? Wegen deren Eindeutigkeit endlich gegen sonst allzu diffuse Sehnsüchte und Mängel? Wegen des Verweises auf eine ungelöschte Vorgeschichte? Mit einer neueren Prägnanz die ältere Narbe zu überschreiben? Oder doch, es an einer Verletzung zu beschwichtigen, das Ungenügen an der eigenen Integrität? Vielleicht schafft Schmerz kurz sogar so etwas wie ein Einvernehmen, aber die Phantome bannt es damit nicht.

Und mit dieser schleichenden Überdeckung des ersteren Schmerzes, mit dem Wenigerwerden mittels Umweg-Markierungen des Traumas, bin ich wieder bei diesem Kuss. Denn zählen tat eigentlich auch hier nur der erste. Seine Sensation sozusagen war die wirkliche Kraft, alles andere zu überdecken. Alles nachher ließ, und darin erkennbar werdend als Überdeckung, schon wieder zu viel durch. Die Berührungsempfindlichkeit einer Körperzelle ist nicht zu verwechseln mit ihrer Schmerzempfindlichkeit.

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Jener Tag nun aber, um in diesem Stadtteil wieder mal aufzukreuzen, war nicht der richtige: Es war zu heiß. Außerdem fehlte es an meinem mitzubringenden Teil jener dort zu findenden Gewahrsamkeit, zu bald erkannte ich mich mal wieder – wenn auch immer noch nicht meine unklaren Gründe – in meinem vielleicht schon zu trainierten Nachspüren dort. Und wirklich wiederholt man sich ja bald und allzu gern auch in seinen Tröstungen.

Obwohl ich diesmal einen anderen Weg dorthin genommen hatte – oder es lag eben daran -, empfand ich, immer auch im Gedanken noch an die zu besorgende Musikaufnahme, das vermeintlich erwartbar Gewusste als unpassend, mich dort selber mal wieder als fremd. Auch wuchs dann in mir eine unterschwellige Aggression fast, die Bereitschaft, mich gegen irgendetwas zu empören – obwohl es neuerdings mir doch immer öfter durch eben die dort gesuchten Umstände zu jener Gleichgültigkeit vorzudringen gelang. Vergeudete Zeit. Zu heiß.

Verheerter Mittag. In der Luft lag, in schwachen Verwehungen wohl auch von Topfkräutern aus den Regalen eines Gartenbedarfhandels jenes Shoppingareals, ein Duft von wie südlicherer Hitze, wie von Provence zum Ruch von deutscher Küche und Benzin. Obwohl sie nicht formiert gingen, ließen mich die wenigen dort sich Bewegenden an einen Leichenzug denken. Die eine oder andere Figur tatsächlich in der durch nichts gehinderten Grellheit der Teile an Sicht auslöschenden Sonne schwarz, sah es aus – Schemen, prismatische Überlagerung von jemand im Gegenlicht (oder im Zwielicht, im überlagerten Punkt einer Sonnenfinsternis sich Verdoppelten) -, als gingen Priester uns voran… und dann in ein blendendes Jenseits über.

Doch war da keine Beerdigung, es gab keinen Wagen, keine schweigenden Begleiter rechts und links. Es war nur eine Gruppe älterer, wortlos und in ihrem Anschein irgendwie gemessen gehender Frauen, Witwen oder Türkinnen in dunklen, um je den Gleichgewichtspunkt ihrer Körper, ihrer Hintern wogenden Gewändern. Und dann doch auch noch zwei ältere Männer, Rentner, die auf je einer Seite der Straße ihre Hunde an letzten kraftlosen Grasecken sich entleeren ließen und hinüber schielten oder ins Nirgendwo, als leugneten sie einander ihr Beispiel.

Der einzige Punkt von Belebtheit war mal wieder der Parkplatz des ALDIs, auf dem die bekannten Umverladereien passierten, der unaufgedeckte Selbstbetrug der unentwegt an ihrem Leben Rechnenden und darüber immer sparsamer Werdenden – auch so ein schmutziger Deal. Hätten uns nicht alle zuerst mal die so beiläufig hingenommenen Formen solchen Zusammenlebens interessieren müssen? Doch kann man die eigenen Verhältnisse erfassen, wenn man nicht einmal den sie strukturierenden Raum versteht? Und die Hässlichkeit der allermeisten, der uns trotzdem unmittelbar gewordenen Umgebungen – ist sie von den Leuten, die sie auszublenden angewiesen sind, überhaupt auszudenken? Steht sie deshalb noch immer aus zur Entdeckung?

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US Cover

Buch bei mirabilis-verlag

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